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  • lilianw59

Eine Weihnachtsgeschichte

Der Weihnachtsstern


Vor langer, langer Zeit hing ein kleiner Stern am Himmel, der traurig hinunter auf die Erde blickte. Sein lautes schweres Seufzen lockte schließlich einen sehr alten Stern herbei. Besorgt setzte der sich neben den kleinen Stern, „Du wirkst sehr betrübt, kleiner Stern. Dein Leuchten ist so schwach, dass man dich kaum sehen kann. Was ist los?“

„Hach“, schniefte der glanzlose Winzling, „Ich habe die Menschen von Weihnachten sprechen hören. Doch ich weiß nicht was Weihnachten ist. Seit Tagen schaue ich mich um, ob ich dieses Weihnachten irgendwo entdecken kann, doch ich finde nichts. Und die Menschen wissen wohl auch nicht wo Weihnachten ist. Sie suchen hektisch danach und laufen mit verkniffenen Gesichtern umher. Sieh doch. Sie scheinen sehr verärgert, weil sie Weihnachten nicht finden können.“

In der Tat herrschte am Boden hektisches Treiben und genervtes Geschimpfe.

Plötzlich schaute der kleine Stern auf, „DU bist doch ein alter Stern. Kann du mir vielleicht sagen, wo man Weihnachten finden kann?“

Der alte Stern betrachtete nachdenklich den kleinen Stern und blickte dann nach unten auf die Erde, „Weihnachten suchst du also. Nun ja, Weihnachten, mein kleiner Freund, Weihnachten ist wie die Luft.“

Der kleine Stern runzelte skeptisch die Stirn, „Aber Luft ist unsichtbar. Man kann sie nicht greifen. Luft ist nichts.“

„Ohoho, „schmunzelte der alte Stern, „Täusch dich nicht. Nur weil du denkst, du kannst etwas nicht sehen, ist es nicht zwingend nicht da. Und du kannst die Luft sehen und zwar in dem sanften Schwingen der Äste und in dem lustigen Wippen der Blumenköpfe. Du kannst ihn hören, wenn er durch die Wipfel rauscht oder um die Häuserecken pfeift und du kannst ihn fühlen. Oh ja, wenn er sachte über deine Haut streicht, dann weißt du, er ist da.“

Diese Erklärung leuchtete dem kleinen Stern nicht ein, „Aber Weihnachten lässt doch keine Äste schwingen. Es pfeift auch nicht um Häuserecken und fühlen kann ich Weihnachten auch nicht. Sonst wäre Weihnachten ja nicht Weihnachten, sondern Luft.“

Verzagt sank der kleine Stern in sich zusammen.

„Aber, aber“, versuchte der alte Stern zu trösten, „Natürlich kann man Weihnachten sehen. Immer dann, wenn ein Kind sich über ein Geschenk oder über eine liebevolle Umarmung freut. Immer dann, wenn die alte Frau Besuch von Enkeln bekommt. Immer dann, wenn ein Fremder zum Freund wird und Familien zusammenwachsen. Und immer dann, wenn die Menschen in ihrem Tun innehalten und dankbar ihre Liebe verschenken ohne eine Gegenleistung zu erwarten.“

Hier lachte der kleine Stern trocken auf, „Liebe? Hast du dir die Menschen denn einmal betrachtet? Siehst du nicht, wie gemein sie sind. Wie unhöflich und grob ihren Mitmenschen gegenüber. Neid und Missgunst herrscht da unten. Es ist echt grauenhaft. Wie kannst du da von Liebe sprechen?“

Enttäuscht schnupfte der kleine Stern weiter, „Wenn Weihnachten gute Dinge bewirken kann, dann fürchte ich, haben wir Weihnachten verloren.“

Hier widersprach der alte Stern, „Nein. Weihnachten ist da.“

Die Beharrlichkeit des alten Sternes verwunderte den kleinen Stern.

„Aber wo ist es?“

Nun legte der alte Stern seine Hand auf die schmale Brust des jungen Sternes, „Weihnachten ist Liebe. Weihnachten ist hier drin. Weihnachten ist in jedem Herz. Dort, wo auch die Liebe ihren Platz hat.“

Erstaunt blinzelte der kleine Stern auf die runzelige Hand auf seiner Brust. Dann blickte er betroffen wieder runter auf die Erde, „Dann ist Weihnachten wohl nicht kräftig genug. Oder seine Stimme ist zu leise. Ich sehe keine Liebe da unten. Keine Freude. Nur Stress und Hektik. Schade.“

Es entstand eine Stille zwischen ihnen, die sich langsam ausdehnte und schließlich senkte sich die Nacht über die Erde. Plötzlich sprang der kleine Stern auf, „Wir müssten etwas finden, dass die Menschen an dieses Weihnachten erinnert. Denn so wie du Weihnachten beschreibst, scheint es ja doch etwas Wunderschönes zu sein.“

Schmunzelnd erhob sich der alte Stern etwas schwerfällig.

„Die Zeit wird kommen, da wirst du verstehen, mein kleiner Freund.“

Er tätschelte noch einmal kurz den Kopf des kleinen Sternes und stieg dann ohne ein weiteres Wort hoch in den Himmel hinauf. Der kleine Stern blickte ihm verdutzt nach. Dann sah er, wie der alte Stern sich plötzlich aufblähte und kräftig zu leuchten anfing. Die Strahlen erhellten den ganzen weiten Himmel und reichten sogar bis hinunter auf die Erde. Der kleine Stern rutschte neugierig auf einem besonders kräftigen Strahl nach unten und keuchte überrascht auf. Alle Menschen standen still und schauten zu dem wundervollen, leuchtenden Stern rauf. Auf ihren Gesichtern erschien ein Lächeln und so manch einer wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Männer nahmen ihre Frauen in den Arm und küssten sie. Die Kinder lachten und sprangen aufgeregt umher. Dabei zeigten sie immer wieder mit ihren knubbeligen Fingern hoch zum Himmel. Mütter lächelten milde auf ihre Töchter hinab und zupften liebevoll die kleinen Mützchen zurecht. Väter hoben ihre Söhne auf die Schultern, damit sie den großen leuchtenden Stern noch besser sehen konnten. Bei einer älteren Frau hielt der kleine Stern inne. Ihre grauen Locken glänzen wie edles Silbergeschmeide im Schein dieser kräftigen Strahlen.

Ein kleiner Junge zupfte aufgeregt an ihrem Mantelsaum, „Was ist das, Omi?“

Lächelnd beugte die Oma sich zu einem kleinen Jungen runter und wies hinauf in den Himmel, „DAS, mein Schatz, ist der Weihnachtsstern. Wann immer die Menschen den Sinn von Weihnachten zu vergessen scheinen, sendet er seine kräftigen Strahlen aus. SEIN Licht besitzt magische Kräfte. Es erleuchtet die Herzen der Menschen und macht es weich. ER erinnert uns daran, dass Liebe das schönste Geschenk auf Erden ist.“

Mit großen Augen betrachtete der Junge den alten, leuchtenden Stern. Dann drehte er sich zu der alten Frau um und umarmte sie ganz fest, „Ich hab dich lieb, Omi!“

Dem kleinen Stern wurde plötzlich warm ums Herz. War das Liebe?

Ja, es konnte nur Liebe sein und die Liebe fühlte sich wundervoll an. Verstohlen rieb er sich eine Träne der Rührung von der Wange. Dann schaute der kleine Stern voller Ehrfurcht hinauf zu dem großen, alten Stern, rieb sich andächtig mit frischem Schnee blitzeblank und stieg langsam wieder hinauf in den samtig schwarzen Himmel.

Im Geiste erklangen wieder die letzten Worte des alten Sternes, „Die Zeit wird kommen, da wirst du verstehen, mein kleiner Freund.“

Der kleine Stern hatte verstanden.

Irgendwann, das schwor er sich, irgendwann, wenn der alte Stern sich müde niederlegte und die Augen für immer schloss, würde ER ein wundervoller Weihnachtsstern werden. Dann würde ER gleißend hell vom winterlichen Nachthimmel strahlen und die Liebe in den Herzen der Menschen erwecken. Versprochen…


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